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Eine Reise ins 19. Jahrhundert

Eine Rezension zu María Dueñas‘ „Wenn ich jetzt nicht gehe“

 

Was ein wenig klingt wie ein Roman über eine dringend notwendige Trennung, den man verzweifelt vor einer mehrstündigen Zugfahrt im Bahnhofskiosk kauft, in der Hoffnung, schreiende Kinder und laute Musik zumindest für eine gewisse Zeit ausblenden zu können, entpuppt sich als eine spannende Reise durch das Mexiko, Kuba und Spanien des 19. Jahrhunderts: 

Mauro Larrea, ein zuvor zu Geld gekommener Silberminenarbeiter, hat alles verloren, was er sich in den vergangenen Jahren in harter Arbeit aufgebaut hat. Ein finanzieller Neuanfang ist nötig, um das alte Leben zu retten. Er lässt Mexiko-Stadt hinter sich, begibt sich nach Havanna, bevor es ihn schließlich nach Spanien verschlägt, wobei er den Weg verschiedener Frauen kreuzt, die versuchen, ihn für ihre eigenen Ziele einzuspannen.

Ganz ohne Romantik kommt der Abenteuerroman zwar nicht aus, doch sein Fokus ist definitiv ein anderer. Die verschiedenen Orte der Handlung – die junge mexikanische Republik, die Kolonie Kuba und die Kolonialmacht Spanien – geben jedem Teil der Handlung ihre eigene Atmosphäre und neue Themen. Die Charaktere sind miteinander durch sehr ausführliche Hintergrundgeschichten und vielschichtige Verflechtungen verbunden, die zahlreiche Aspekte umspannen: Liebe, Familie, Geheimnisse, Geld, Tod. Insbesondere die Frauenfiguren, die ihm auf seinem Weg begegnen, sind mehr als nur romantische Interessen oder intrigante Gegenspielerinnen, wie es Cover und Klappentext eventuell vermuten lassen. Alle angefangenen Handlungsstränge werden wieder aufgenommen, ohne dass es allzu schwierig ist, den Überblick über die Personen und ihre Beziehungen untereinander zu behalten. Dennoch ist es in der Mitte des Buches noch immer vollkommen unklar, wo die Geschichte hinführen könnte. In jedem Stadium der Handlung scheint ein Ergebnis ebenso plausibel wie jedes andere. Leider macht diese spannungsgeladene Position insbesondere im letzten Drittel einer gewissen Vorhersehbarkeit Platz, die zumindest der Atmosphäre jedoch glücklicherweise keinen Abbruch tut. Nichtsdestotrotz kann „Wenn ich jetzt nicht gehe“ nicht mit dem Debütroman der Autorin, „Das Echo der Träume“, der an dieser Stelle im September rezensiert wurde, mithalten.

Insbesondere die historischen, mitunter fast magisch anmutenden Schauplätze geben „Wenn ich jetzt nicht gehe“ dennoch das gewisse Etwas, das einen die Seiten begierig auf Neues umblättern lässt. María Dueñas entführt in eine Welt voller Spannung, menschlicher Beziehungen und Neuanfänge. Somit ist es letztendlich vielleicht doch eine Geschichte über eine dringend notwendige Trennung – nur nicht in der Art und Weise wie man es anfangs erwartet. Und es kann eine Zugfahrt definitiv wie im Flug vergehen lassen. 

 

Lena Wilkens ist durch CaYouBo zum Lesen in den öffentlichen Verkehrsmitteln konvertiert und rezensiert an dieser Stelle monatlich ihre Lektüre, ohne die sie nun noch seltener anzutreffen ist.

Was macht jahrelange Gefangenschaft mit einem Menschen?

Eine Rezension zu Ingrid Betancourts „Kein Schweigen, das nicht endet“

Sechs Jahre verbrachte Ingrid Betancourt, entführt von der FARC, einer linken Guerillagruppe in den Bürgerkriegen Kolumbiens, im kolumbianischen Regenwald. Was sich anhört wie die Ausgangssituation eines Krimis, ist jedoch keine Fiktion. 2002 wurde die damalige Präsidentschaftskandidatin zusammen mit ihrer Wahlkampfleiterin Clara Rojas entführt. Die Jahre bis zu ihrer Befreiung beschreibt sie auf gut 700 Seiten in ihrem Buch „Kein Schweigen, das nicht endet“.

Wenn wir an berühmte Entführungsfälle denken, haben wir dunkle Ecken und Gassen, einen Lieferwagen mit getönten Scheiben, eine Zelle mit einer nackten Glühbirne und Strichen an den Wänden für jeden Tag der Gefangenschaft vor Augen. 

„Kein Schweigen, das nicht endet“ zeichnet ein vollkommen anderes Bild. Im kolumbianischen Dschungel braucht es nicht unbedingt Mauern und Fesseln. Hunderte Kilometer Regenwald, der überall gleich aussieht und Schlangen und Raubtieren ein Zuhause bietet, sowie die bewaffneten Guerillakämpfer sind genug, um die mitunter zahlreichen politischen Gefangenen der FARC unter Kontrolle zu halten. Doch das Leben als Entführte ist nicht nur von Knappheit von Lebensmitteln und Medikamenten, fehlender Privatsphäre und der ständigen Angst, von ihren Entführern exekutiert zu werden, gekennzeichnet, sondern auch von den verschiedenen Facetten zwischenmenschlicher Interaktion in einer derart angespannten Situation. Das ständige Wechseln von Lagern im Regenwald führt dazu, dass Betancourt sich mal mit ihr bekannten Geiseln wiederfindet, sogar mit Freunden, und dazu, dass die verschiedenen Mitglieder der Guerilla ihnen mal mehr, mal weniger Freiheiten gestatten. In manchen Jahren darf sie am Geburtstag ihrer Tochter einen Kuchen backen, in anderen verbringt sie ihre Tage angekettet in einem Käfig.

Obwohl sich der Alltag in den verschiedenen Lagern, in die sie geschickt wird, kaum unterscheidet und der Ausgang der Handlung von Anfang an bekannt ist, bleibt das Buch mitreißend. Man wartet mit ihr darauf, dass über das Radio Nachrichten ihrer Familie ankommen, und bei ihren Fluchtversuchen, die zwingend erfolglos enden müssen, ist es nicht minder spannend, sich zu fragen, wie und wann sie gefasst wird oder was genau schief geht, als zu hoffen, dass sie es durch den Regenwald in die unerreichbar scheinenden und hunderte Kilometer entfernt liegenden Städte schafft.

Leider verzichtet das Buch größtenteils auf die Vor- und Nachgeschichte. Während erstere durch ihr früheres, vor ihrer Entführung geschriebenes Buch über ihre politische Karriere „Die Wut in meinem Herzen“ abgedeckt wird, gibt es leider kein weiteres über ihr Wiederankommen bei ihrer Familie und in der Gesellschaft oder ihr Verarbeiten der Jahre in Gefangenschaft, obwohl „Kein Schweigen, das nicht endet“ sicherlich einen Teil von letzterem darstellt. Insbesondere da im Nachhinein der Entführung nicht nur sie, sondern auch ihre Mitgefangenen ihre Sichtweisen der Situation veröffentlichten und sie in den Augen der anderen oft eher schlecht wegkommt, wäre eine Stellungnahme zu dieser Kritik definitiv sehr interessant.

Doch „Kein Schweigen, das nicht endet“ hat nicht den Anspruch der Rechtfertigung oder der Objektivität. Es ist ein Erfahrungsbericht. Und als solcher überzeugt er. Ingrid Betancourt beschreibt diese sechs Jahre in einer grünen Hölle mit unglaublicher Genauigkeit und einer brillanten Beobachtungsgabe. Und immer wieder kommt beim Lesen die Frage auf: Was hätte ich an ihrer Stelle getan?

 

 Lena Wilkens ist durch CaYouBo zum Lesen in den öffentlichen Verkehrsmitteln konvertiert und rezensiert an dieser Stelle monatlich ihre Lektüre, ohne die sie nun noch seltener anzutreffen ist.

In England gehen Geister um

Eine Rezension zu Jonathan Strouds „Lockwood & Co“-Reihe

 

England wird von Geistern heimgesucht – und nur Kinder können sie sehen. Und dementsprechend schnell müssen viele von ihnen erwachsen werden, während sie mit Degen und zahlreichen Abwehrmechanismen nachts als Agenten durch die Straßen Londons ziehen, um Orte von Heimsuchungen zu befreien, ständig in Gefahr durch die Berührung eines Geistes umzukommen.

Die „Lockwood & Co“-Reihe des Autors der erfolgreichen „Bartimaeus“-Romane, Jonathan Stroud, lässt sich wohl am ehesten den Genres Jugendbuch beziehungsweise Young Adult zuordnen und ist somit letztendlich für jeden etwas. Auch wenn die Protagonisten Jugendliche sind, spielen typische Teenager-Probleme kaum eine Rolle. An erster Stelle steht die gefährliche Arbeit für die Agentur „Lockwood & Co“ sowie die Auseinandersetzungen mit der Bürokratie der erwachsenen Agenturbesitzer, die Nacht um Nacht Kinder auf die von Geistern bevölkerten Straßen schicken. Erzählt werden die fünf Bände von Lucy Carlyle, die in der Agentur von Anthony Lockwood – der einzigen, der kein Erwachsener vorsteht – mit ebendiesem und George Cubbins zusammen Geister jagt und im Lauf der Serie auch immer näher an den Grund der Heimsuchung Großbritanniens gerät.

Ob ein Kampf auf Leben und Tod in einem alten Herrenhaus, ein Massenaufkommen gefährlicher Geister auf den Straßen Londons oder ein zynischer wispernder Schädel – langweilig wird es nie. Bewaffnet mit Eisenspänen, Salzbomben, Silbernetzen, Streichhölzern, Kerzen und ihren Degen nehmen sie Aufträge an, um die Heimsuchung bestimmter Orte zu beenden, indem sie die Quelle des Geistes, einen Gegenstand, an den sich die übernatürliche Erscheinung gebunden zu haben scheint, unschädlich machen. Dass dabei nicht immer alles glatt läuft, ist unvermeidbar. Die Dynamik des jungen Trios ist dabei von dem für Stroud typischen und oftmals sehr britischen Witz gekennzeichnet. Spannung und Humor sind in „Lockwood & Co“ untrennbar miteinander verbunden, jedoch ohne dass es albern wirkt oder die Handlung leidet. 

Auch stellt die Geisterthematik einen weniger stark verarbeiteten Zweig des Young Adult-Genres dar. Während man sich in großen Buchläden vor Vampiren und Werwölfen, Hexen und Zauberern kaum retten kann, haftet dieser Reihe die Erinnerung an Geistergeschichten aus der Kindheit an, die man sich nachts mit einer Taschenlampe unter der Decke erzählte. Nicht Romantik, Sozialkontakte und die nächste – sei es auch magische – Feier stehen im Zentrum des Lebens der Protagonisten, sondern letztendlich das reine Überleben. Und zwar nicht nur ihres: Die Erwachsenen sind vollkommen blind auf die zahlreichen jungen Agenten angewiesen. Vielleicht ist es genau diese Allgegenwart der Gefahr, die der Romanreihe bei allem Humor den nötigen Ernst verleiht.

„Lockwood & Co“ ist die perfekte, unkomplizierte, aber fesselnde Lektüre für einen regnerischen Nachmittag mit einer Tasse Tee auf der Couch. Oder vielleicht eher für eine regnerische Woche, denn wer einmal anfängt, will definitiv alle fünf Bände der Serie lesen.

 

Lena Wilkens ist durch CaYouBo zum Lesen in den öffentlichen Verkehrsmitteln konvertiert und rezensiert an dieser Stelle monatlich ihre Lektüre, ohne die sie nun noch seltener anzutreffen ist.

Nebel des Grusels

Eine Rezension zu Carlos Ruiz Zafóns „Nebel-Trilogie“

 

Carlos Ruiz Zafóns „Nebel-Trilogie“ besteht aus drei kurzen Romanen mit den klangvollen Namen „Der Fürst des Nebels“, „Der Mitternachtspalast“ und „Der dunkle Wächter“. Während sie zwar als Trilogie präsentiert werden, können die einzelnen Bände durchaus alleinstehend betrachtet werden. Auch die Reihenfolge ist beliebig. Sie teilen keinerlei Charaktere oder bauen in ihren Handlungssträngen aufeinander auf. Ob an der Küste im Exil vor dem herannahenden Krieg, im Kalkutta der Dreißigerjahre oder in der Normandie, ob geheimnisvolle Statuen, die nicht so unbewegt bleiben wie sie scheinen, unheilvolle Familienbande oder das düstere Haus des sympathischen Spielzeugfabrikanten voller mechanischer Figuren, vereint werden die Bücher durch ihre schaurige Atmosphäre und die Jugendlichkeit der Hauptpersonen.

Auch der Aufbau ist immer ähnlich: Eine wütende, übernatürliche, gewissenlose Instanz lässt die anfangs meist weitgehend harmonische Situation düsterer und gefährlicher werden, bis es auf einen unvermeidbaren Höhepunkt des Konflikts zwischen Gut und Böse, zwischen alten, noch offenen Rechnungen auf der einen und junger, mitunter noch kindlicher Energie auf der anderen Seite hinausläuft. Diese Ausgangslage ist nichts Neues, die Motive sind weder über die Maßen innovativ noch sind die Wendungen allzu überraschend. Doch sie sind auch nicht umsonst schon so oft benutzt worden – denn sie funktionieren. Ebendieser scheinbar altbekannte Charme sowie die historischen Schauplätze, die gut zu dem etwas eigentümlichen Stil des Autors passen, machen die kurzen Schauerromane zu einer unterhaltsamen Lektüre. Und auf einmal erscheinen dunkle Schatten und das Knacken der Äste im Wind bedrohlicher als sonst.

Eine der Stärken Ruiz Zafóns sind seine Beschreibungen der Schauplätze. Leicht verschlafene Küstenstädtchen, Schiffswracks, dunkle Wälder oder das Kalkutta, das seine Stellung als Hauptstadt der britischen Kolonie verloren hatte, gewinnen an Lebendigkeit. Trotz der jungen Charaktere, die den Eindruck vermitteln könnten, dass es sich nur um Kinderbücher handelt, erspart der spanische Autor diesen keineswegs die ausgeklügelten Grausamkeiten seiner Antagonisten bis hin zum Tod. Dies hebt sie von ihrer zu Beginn gegebenenfalls sogar als klischeehaft wahrgenommenen Ausgangslage ab. Wer ein Happy End erwartet, liegt je nach Roman in unterschiedlicher Abstufung falsch.

Mein persönlicher Favorit ist „Der dunkle Wächter“. Insbesondere der Aufbau des nach und nach immer beklemmenderen Gefühls ist hier sehr gelungen und die Handlung ist im Vergleich zu „Der Fürst des Nebels“ und „Der Mitternachtspalast“ weniger vorhersehbar. Die Charaktere erscheinen ebenfalls komplexer und ihre Handlungen nachvollziehbarer.

Letztendlich bieten die Bände der Nebeltrilogie gute, kurzweilige Unterhaltung mit moderatem Gruselfaktor, der einen zwar nicht vom Schlafen abhält, aber bestimmte Schatten oder Lichter in der Dunkelheit durchaus genauer betrachten lässt.

 

Lena Wilkens ist durch CaYouBo zum Lesen in den öffentlichen Verkehrsmitteln konvertiert und rezensiert an dieser Stelle monatlich ihre Lektüre, ohne die sie nun noch seltener anzutreffen ist.

Erebos ist zurück

Eine Rezension zu Ursula Poznanskis „Erebos 2“


Nachdem Erebos 2010 erschien und nicht nur mich, sondern zahlreiche Leser fesselte, mussten wir lange auf eine Fortsetzung warten – die zuerst von der österreichischen Autorin Ursula Poznanski als Aprilscherz präsentiert wurde. So grausam war sie dann glücklicherweise letztendlich doch nicht und „Erebos 2“ eroberte Buchläden und Bestsellerlisten.

Der erste „Erebos“-Roman handelt von einem fesselnden Computerspiel, das unter der Hand in der Schule des Hauptcharakters, Nick, verteilt wird, mehr und mehr Menschen in seinen Bann zieht und beginnt, nicht nur die digitale Welt zu kontrollieren. Jahre nach dem Ende der ersten Terrorherrschaft des Programms findet Nick eine App auf seinem Smartphone, die dort nicht hingehört. Und das Logo scheint ihm beunruhigend bekannt. Das bereits zuvor fast allmächtig erscheinende Programm hat dazugelernt und kontrolliert ihn nun, wo auch immer er ist. Neben dem bereits bekannten Charakter, der nur durch Zwang in diese Welt zurückkehrt, die er hinter sich gelassen glaubte, lernen wir auch jemand Neuen kennen: Derek bringt dem ihm unbekannten Spiel die Begeisterung entgegen, die bereits im ersten Band um sich griff. Doch auch dieses Mal verfolgt das Spiel höhere Ziele – nur wer steckt jetzt dahinter?

„Erebos 2“ hat hohe Erwartungen zu erfüllen. Sein Vorgänger hat zahlreiche Preise gewonnen und ist meiner Meinung nach noch immer eines der besten modernen deutschsprachigen Bücher, mit dem auch die anderen Romane Poznanskis nicht mithalten können. Ein zurückkehrendes „Erebos“ muss jedoch nicht nur den Anforderungen der Leserschaft, sondern auch noch der technischen Entwicklung der letzten Jahre gerecht werden.

Gerade der letzte Punkt ist der Autorin ausgesprochen gut gelungen. Die Allgegenwart des Smartphones in der heutigen Zeit wird sehr deutlich, wenn man ebendiesem nicht mehr trauen darf. Das Programm hat Zugriff auf Kamera und Mikros, GPS-Ortung und kann sogar eigenständig Anrufe tätigen. Die Spieler werden 24 Stunden am Tag kontrolliert. Das Computerprogramm in der Handlung übertrifft seinen Vorgänger um Längen, doch tut das Buch es auch?

„Erebos 2“ ist definitiv kein unwürdiger Nachfolger, steht dem ersten Band jedoch in Spannung und Suchtfaktor nach. Die Vorgehensweise des Programms, die Spieler auf Missionen in der echten Welt zu schicken, um ein Ziel zu erfüllen, ist bekannt und reicht alleine als Anreiz nicht mehr aus, um die Seiten zu verschlingen. Der Aufbau ähnelt dem des ersten Bandes sehr. Und während die genauen Hintergründe der Wiederauferstehung des Programms sich in ihren Details zwar erst am Ende der Geschichte auflösen, ist es doch nicht allzu kompliziert zu erraten, wer hinter dem neuen Aufleben der Computerherrschaft steht, da die Autorin glücklicherweise von dem wenig originellen Kniff des „Ich stelle 20 Seiten vor Ende des Buches eine neue Person vor, die dann der Täter ohne tiefere Beweggründe ist“ absieht. Das Wiedersehen mit altbekannten Charakteren – online wie offline – und die gänsehauterregende Beschreibung eines noch viel stärker gewordenen Erebos machen den Roman dennoch sehr lesenswert. Er verspricht gute Unterhaltung für einige Stunden, nur im direkten Vergleich mit seinem Vorgänger kann er sich leider nicht behaupten.


Lena Wilkens ist durch CaYouBo zum Lesen in den öffentlichen Verkehrsmitteln konvertiert und rezensiert an dieser Stelle monatlich ihre Lektüre, ohne die sie nun noch seltener anzutreffen ist.

Der Klavierhorror

Eine Rezension zu Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“


Es ist der gruseligste Monat des Jahres und dazu erscheint es nur passend, das furchterregendste Buch zu rezensieren, dass ich je lesen musste. Und dabei handelt es sich leider nicht um einen Horrorroman, der einen auf eine schreckliche Art fasziniert und damit zwingt, die Seiten umzublättern, sondern um Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“. Bereits als meine Deutschlehrerin es mit den Worten ankündigte „Ich wollte Ihnen etwas geben, was Sie nie freiwillig lesen würden“, war ich beunruhigt. Leider blieb es nicht dabei, sondern wurde schlimmer. Viel schlimmer.

An dieser Stelle würde ich normalerweise den Inhalt zusammenfassen. Doch um ehrlich zu sein, kann keine Zusammenfassung den verstörenden Charakteren, ihren absolut dysfunktionalen Beziehungen und ihren gruseligen Gedanken gerecht werden. Zusätzlich dazu glaube ich, dass ich den Roman nie zu Ende gelesen habe. Ich konnte es einfach nicht über mich bringen. Daher hier nur einige Highlights: eine perverse Mutter-Tochter-Beziehung, eine Vergewaltigung, eine Klavierlehrerin, die neidisch ihrer Schülerin Glasscherben in die Jackentasche steckt, und eine Jagd auf einen Flamingo. Was bizarr klingt, wird durch einen Schreibstil nur noch verschlimmert, der den Klang von Musik mit Giftgas vergleicht und schon ohne den verstörenden Inhalt das Lesen eigentlich vollkommen unmöglich oder zumindest zur Tortur macht. Auch nur eine Seite mehr anzusehen als nötig, scheint körperliche Schmerzen zu verursachen. Rein gar nichts an diesem Werk macht Lust auf mehr. Und als selbsterklärte Streberin konnte mich noch nicht einmal der Schulkontext dazu bringen, jedes Wort dieses absoluten Albtraums auch nur zu überfliegen.

Nun mag man einwenden: Elfriede Jelinek hat 2004 den Literaturnobelpreis erhalten, vielleicht verstehe ich einfach keine hohe Literatur. Doch wenn das hohe Literatur ist, möchte ich sie einfach gar nicht verstehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Nobelpreiskomitee sich entweder einen Scherz erlauben wollte, einen gewissen sadistischen Zug hatte und all diejenigen, die sich nach der Bekanntmachung der Preisträgerin ihre Bücher kauften, traumatisieren wollte oder bei den weitgehend unverständlichen Texten die falsche Entscheidung hinsichtlich „Ist das Kunst oder kann das weg?“ getroffen hat.

„Die Klavierspielerin“ ist ein Buch, das die Realität als Ziel der Flucht aus der literarischen Welt attraktiv erscheinen lässt und nicht umgekehrt. Es ist nicht, wie der häufig angesprochene Vergleich sagt, so, als würde man einen Autounfall sehen – man will nicht hinsehen, aber man kann auch nicht weggucken. Es ist schrecklicher. Und man will nicht nur weggucken, sondern rennen. Und genau dies ist auch meine einzige Empfehlung, wenn man einem von Jelineks Werken in einem Buchhandel, auf einem Flohmarkt oder sogar in einer mit „Zum Mitnehmen“ betitelten Kiste entdeckt: Rennen!


Lena Wilkens ist durch CaYouBo zum Lesen in den öffentlichen Verkehrsmitteln konvertiert und rezensiert an dieser Stelle monatlich ihre Lektüre, ohne die sie nun noch seltener anzutreffen ist. Sie wird allerdings niemals mit diesem Buch irgendwo angetroffen werden.

Von Abendkleidern und Weltkriegen

Eine Rezension zu María Dueñas‘ „Das Echo der Träume“


Eigentlich verrät jede Inhaltsangabe zu „Das Echo der Träume“ zu viel. Das Buch folgt der Protagonistin und Ich-Erzählerin Sira Quiroga, die zu Beginn des Romans als junge Schneiderin mit ihrer Mutter im Madrid der Dreißigerjahre arbeitet. Die Verlobung mit Ignacio verspricht eine stabile Zukunft. Doch dazu soll es nicht kommen. Hals über Kopf in den gutaussehenden und charmanten Ramiro Arribas verliebt, verlässt Sira nicht nur ihren Verlobten, sondern auch ihr Heimatland und begibt sich nach Marokko, wo sie allzu bald alleine und ohne Geld vor den Scherben ihres Lebens und ihrer Zukunftspläne steht. Im Laufe des Buches ist sie vor dem Hintergrund des Bürgerkrieges in Spanien, der Anfänge der franquistischen Diktatur und des zweiten Weltkrieges mehrmals gezwungen, sich neu zu erfinden, um nicht nur ihr eigenes Leben zu schützen.

Wer sich auf die Welt, die María Dueñas in „Das Echo der Träume“ erschafft, einlässt, sollte sich auf jeden Fall gleichzeitig nichts anderes vornehmen. Bereits nach den ersten Kapiteln ist es praktisch unmöglich, aufzuhören zu lesen. Schlafen und essen werden zur Nebensache – und das, obwohl die verhältnismäßig kurzen Kapitel die Illusion geben, nach zehn Seiten dann doch mal eine Pause machen zu können. Aber das nächste Kapitel ist dann ja auch nur zehn Seiten lang. Und auf einmal ist es fünf Uhr morgens und dann lohnt es sich ja auch nicht mehr, noch ins Bett zu gehen.

Eine der größten Stärken der spanischen Autorin ist es, die Handlung vollkommen unvorhersehbar zu gestalten. Jeder angefangene Handlungsfaden wird wieder aufgenommen und ist essentiell für die Entwicklung des Romans. Die Charaktere sind in all ihren Facetten sehr detailliert dargestellt. Insbesondere die Entwicklung der Hauptfigur von einer naiven jungen Frau zu einer Person, die bereit ist, für sich und die ihr nahestehenden Personen alles zu riskieren, ist sehr gut gelungen und ausgesprochen überzeugend beschrieben. Doch auch ihre Mutter, die den Bürgerkrieg im umkämpften Madrid miterleben muss, die scheinbar raue, aber ebenso fürsorgliche Pensionsbesitzerin Candelaria, der gesetzestreue, aber nicht unmenschliche Kommissar Carlos Vázquez, die schöne und liebenswerte Engländerin Rosalinda Fox, die in der Politik des spanischen Protektorats in Marokko mitmischt und zahlreiche andere Figuren sorgen dafür, dass sich die Handlung in ihrer vollen Pracht entfaltet.

Auch die sehr buchgetreue und detaillierte Serienadaption des Romans, „El tiempo entre costuras“ im Original, verdient eine Erwähnung, obwohl es leider keine deutsche Synchronisation gibt. Insbesondere die Szenerie des historischen Marokkos und die wunderschönen und eleganten Kleider verleihen der Geschichte eher eine bunte Lebendigkeit, als dass sie die Bilder im Kopf überlagern.


Lena Wilkens ist durch CaYouBo zum Lesen in den öffentlichen Verkehrsmitteln konvertiert und rezensiert an dieser Stelle monatlich ihre Lektüre, ohne die sie nun noch seltener anzutreffen ist.

Was passiert, wenn die Menschheit den Tod besiegt?

Eine Rezension zu Neal Shustermans „Scythe“-Reihe


Dies ist der Ausgangspunkt von Neal Shustermans „Scythe“-Trilogie: eine Gesellschaft, in der der Tod eine reversible Unannehmlichkeit ist, in der sich von ihrem Leben gelangweilte Teenager von Dächern stürzen und kurze Zeit später erwachen und in der auch der Alterungsprozess seiner normalen Endgültigkeit entbehrt.

Doch vor eben diesem Hintergrund, der der Menschheit die Möglichkeit eröffnet, sich in unbegrenzter Zahl zu vermehren, wird die Notwendigkeit eines Regulationsmechanismus‘ offensichtlich. Und während in dieser sonst so perfekten Welt scheinbar alles von einer digitalen Instanz, dem – beinahe – allmächtigen und allwissenden Thunderhead kontrolliert wird, wird diese letzte Entscheidung zwischen Leben und Tod Menschen überlassen, den Scythe.

Diesem Beruf haftet eine Aura von Ehrfurcht und Angst an. In farbigen Roben mit Ringen, die den normalen Bürgern eine gewisse Zeit der Immunität vor dem Tod gewähren können streifen sie durch die Straßen. Doch niemand weiß, wann sie eine gewisse Sicherheit schenken und wann sie töten. Und wen.

Plötzlich finden sich die beiden Teenager, Citra und Rowan, auf der anderen Seite der Gesellschaft wieder. Gegen ihren Willen wurden sie zu Lehrlingen des Scythe Faraday, der darauf beharrt, dass nur diejenigen gute Scythe werden können, die dies unter keinen Umständen freiwillig machen würden. Reue und Menschlichkeit sollen diese Aufgabe kennzeichnen. Scythe dürfen keine emotionslosen Tötungsmaschinen sein; keine Mörder, sondern diejenigen, die eine natürliche Auslese nachahmen. Sie sollen das Leid dieser unentbehrlichen Aufgabe auf sich nehmen, um die Gesellschaft vor Schlimmerem zu bewahren. Doch während die beiden lernen, ihren Mitmenschen das Leben zu nehmen, gibt es auch innerhalb des Scythetums tiefe politische Risse zwischen denen, die den alten Werten treu bleiben wollen, und denen, die das Töten geradezu genießen. In dieser emotionalen und konfliktreichen Zeit wird ein gefährlicher Wettlauf heraufbeschworen...

„Scythe“ ist nichts für Zartbesaitete. Shustermans Schreibstil zieht Leserinnen und Leser in den Bann der Handlung und so schnell kommt man auch nicht wieder heraus. Bereits auf den ersten Seiten macht sich Beklemmung breit, die sich im Verlauf des Buches nur noch verstärkt und manchmal auch jenseits des Papiers anhält. Todesszenen werden detailliert beschrieben, die Emotionen der Protagonisten sind roh und vielschichtig. Doch nicht nur die Charaktere beeindrucken, sondern auch die Handlung ist intelligent aufgebaut und von einfallsreichen Wendungen durchzogen. Shusterman beschreibt zahlreiche Perspektiven, was verwirrend wirken könnte – doch sie fügen sich letztendlich zu einem gut durchblickbaren Netz zusammen, das die zahlreichen Facetten dieser scheinbar utopischen Gesellschaft widerspiegelt.

Während der erste Band sich vorrangig auf Citras und Rowans Schicksal fokussiert, reicht der Blick im zweiten weiter. Alles wird größer, die Konsequenzen weitreichender und die Risse tiefer. Insbesondere das Hinauslaufen auf einen meisterhaft geschriebenen Cliffhanger am Ende des zweiten Bandes sorgt dafür, dass der dritte Teil, der diesen November erscheinen soll, definitiv ganz oben auf meiner Liste steht.


Lena Wilkens ist durch CaYouBo zum Lesen in den öffentlichen Verkehrsmitteln konvertiert und rezensiert an dieser Stelle monatlich ihre Lektüre, ohne die sie nun noch seltener anzutreffen ist.