• Jetzt versandkostenfrei bestellen
  • Jetzt versandkostenfrei bestellen

Der Klavierhorror

Eine Rezension zu Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“


Es ist der gruseligste Monat des Jahres und dazu erscheint es nur passend, das furchterregendste Buch zu rezensieren, dass ich je lesen musste. Und dabei handelt es sich leider nicht um einen Horrorroman, der einen auf eine schreckliche Art fasziniert und damit zwingt, die Seiten umzublättern, sondern um Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“. Bereits als meine Deutschlehrerin es mit den Worten ankündigte „Ich wollte Ihnen etwas geben, was Sie nie freiwillig lesen würden“, war ich beunruhigt. Leider blieb es nicht dabei, sondern wurde schlimmer. Viel schlimmer.

An dieser Stelle würde ich normalerweise den Inhalt zusammenfassen. Doch um ehrlich zu sein, kann keine Zusammenfassung den verstörenden Charakteren, ihren absolut dysfunktionalen Beziehungen und ihren gruseligen Gedanken gerecht werden. Zusätzlich dazu glaube ich, dass ich den Roman nie zu Ende gelesen habe. Ich konnte es einfach nicht über mich bringen. Daher hier nur einige Highlights: eine perverse Mutter-Tochter-Beziehung, eine Vergewaltigung, eine Klavierlehrerin, die neidisch ihrer Schülerin Glasscherben in die Jackentasche steckt, und eine Jagd auf einen Flamingo. Was bizarr klingt, wird durch einen Schreibstil nur noch verschlimmert, der den Klang von Musik mit Giftgas vergleicht und schon ohne den verstörenden Inhalt das Lesen eigentlich vollkommen unmöglich oder zumindest zur Tortur macht. Auch nur eine Seite mehr anzusehen als nötig, scheint körperliche Schmerzen zu verursachen. Rein gar nichts an diesem Werk macht Lust auf mehr. Und als selbsterklärte Streberin konnte mich noch nicht einmal der Schulkontext dazu bringen, jedes Wort dieses absoluten Albtraums auch nur zu überfliegen.

Nun mag man einwenden: Elfriede Jelinek hat 2004 den Literaturnobelpreis erhalten, vielleicht verstehe ich einfach keine hohe Literatur. Doch wenn das hohe Literatur ist, möchte ich sie einfach gar nicht verstehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Nobelpreiskomitee sich entweder einen Scherz erlauben wollte, einen gewissen sadistischen Zug hatte und all diejenigen, die sich nach der Bekanntmachung der Preisträgerin ihre Bücher kauften, traumatisieren wollte oder bei den weitgehend unverständlichen Texten die falsche Entscheidung hinsichtlich „Ist das Kunst oder kann das weg?“ getroffen hat.

„Die Klavierspielerin“ ist ein Buch, das die Realität als Ziel der Flucht aus der literarischen Welt attraktiv erscheinen lässt und nicht umgekehrt. Es ist nicht, wie der häufig angesprochene Vergleich sagt, so, als würde man einen Autounfall sehen – man will nicht hinsehen, aber man kann auch nicht weggucken. Es ist schrecklicher. Und man will nicht nur weggucken, sondern rennen. Und genau dies ist auch meine einzige Empfehlung, wenn man einem von Jelineks Werken in einem Buchhandel, auf einem Flohmarkt oder sogar in einer mit „Zum Mitnehmen“ betitelten Kiste entdeckt: Rennen!


Lena Wilkens ist durch CaYouBo zum Lesen in den öffentlichen Verkehrsmitteln konvertiert und rezensiert an dieser Stelle monatlich ihre Lektüre, ohne die sie nun noch seltener anzutreffen ist. Sie wird allerdings niemals mit diesem Buch irgendwo angetroffen werden.

Von Abendkleidern und Weltkriegen

Eine Rezension zu María Dueñas‘ „Das Echo der Träume“


Eigentlich verrät jede Inhaltsangabe zu „Das Echo der Träume“ zu viel. Das Buch folgt der Protagonistin und Ich-Erzählerin Sira Quiroga, die zu Beginn des Romans als junge Schneiderin mit ihrer Mutter im Madrid der Dreißigerjahre arbeitet. Die Verlobung mit Ignacio verspricht eine stabile Zukunft. Doch dazu soll es nicht kommen. Hals über Kopf in den gutaussehenden und charmanten Ramiro Arribas verliebt, verlässt Sira nicht nur ihren Verlobten, sondern auch ihr Heimatland und begibt sich nach Marokko, wo sie allzu bald alleine und ohne Geld vor den Scherben ihres Lebens und ihrer Zukunftspläne steht. Im Laufe des Buches ist sie vor dem Hintergrund des Bürgerkrieges in Spanien, der Anfänge der franquistischen Diktatur und des zweiten Weltkrieges mehrmals gezwungen, sich neu zu erfinden, um nicht nur ihr eigenes Leben zu schützen.

Wer sich auf die Welt, die María Dueñas in „Das Echo der Träume“ erschafft, einlässt, sollte sich auf jeden Fall gleichzeitig nichts anderes vornehmen. Bereits nach den ersten Kapiteln ist es praktisch unmöglich, aufzuhören zu lesen. Schlafen und essen werden zur Nebensache – und das, obwohl die verhältnismäßig kurzen Kapitel die Illusion geben, nach zehn Seiten dann doch mal eine Pause machen zu können. Aber das nächste Kapitel ist dann ja auch nur zehn Seiten lang. Und auf einmal ist es fünf Uhr morgens und dann lohnt es sich ja auch nicht mehr, noch ins Bett zu gehen.

Eine der größten Stärken der spanischen Autorin ist es, die Handlung vollkommen unvorhersehbar zu gestalten. Jeder angefangene Handlungsfaden wird wieder aufgenommen und ist essentiell für die Entwicklung des Romans. Die Charaktere sind in all ihren Facetten sehr detailliert dargestellt. Insbesondere die Entwicklung der Hauptfigur von einer naiven jungen Frau zu einer Person, die bereit ist, für sich und die ihr nahestehenden Personen alles zu riskieren, ist sehr gut gelungen und ausgesprochen überzeugend beschrieben. Doch auch ihre Mutter, die den Bürgerkrieg im umkämpften Madrid miterleben muss, die scheinbar raue, aber ebenso fürsorgliche Pensionsbesitzerin Candelaria, der gesetzestreue, aber nicht unmenschliche Kommissar Carlos Vázquez, die schöne und liebenswerte Engländerin Rosalinda Fox, die in der Politik des spanischen Protektorats in Marokko mitmischt und zahlreiche andere Figuren sorgen dafür, dass sich die Handlung in ihrer vollen Pracht entfaltet.

Auch die sehr buchgetreue und detaillierte Serienadaption des Romans, „El tiempo entre costuras“ im Original, verdient eine Erwähnung, obwohl es leider keine deutsche Synchronisation gibt. Insbesondere die Szenerie des historischen Marokkos und die wunderschönen und eleganten Kleider verleihen der Geschichte eher eine bunte Lebendigkeit, als dass sie die Bilder im Kopf überlagern.


Lena Wilkens ist durch CaYouBo zum Lesen in den öffentlichen Verkehrsmitteln konvertiert und rezensiert an dieser Stelle monatlich ihre Lektüre, ohne die sie nun noch seltener anzutreffen ist.

Was passiert, wenn die Menschheit den Tod besiegt?

Eine Rezension zu Neal Shustermans „Scythe“-Reihe


Dies ist der Ausgangspunkt von Neal Shustermans „Scythe“-Trilogie: eine Gesellschaft, in der der Tod eine reversible Unannehmlichkeit ist, in der sich von ihrem Leben gelangweilte Teenager von Dächern stürzen und kurze Zeit später erwachen und in der auch der Alterungsprozess seiner normalen Endgültigkeit entbehrt.

Doch vor eben diesem Hintergrund, der der Menschheit die Möglichkeit eröffnet, sich in unbegrenzter Zahl zu vermehren, wird die Notwendigkeit eines Regulationsmechanismus‘ offensichtlich. Und während in dieser sonst so perfekten Welt scheinbar alles von einer digitalen Instanz, dem – beinahe – allmächtigen und allwissenden Thunderhead kontrolliert wird, wird diese letzte Entscheidung zwischen Leben und Tod Menschen überlassen, den Scythe.

Diesem Beruf haftet eine Aura von Ehrfurcht und Angst an. In farbigen Roben mit Ringen, die den normalen Bürgern eine gewisse Zeit der Immunität vor dem Tod gewähren können streifen sie durch die Straßen. Doch niemand weiß, wann sie eine gewisse Sicherheit schenken und wann sie töten. Und wen.

Plötzlich finden sich die beiden Teenager, Citra und Rowan, auf der anderen Seite der Gesellschaft wieder. Gegen ihren Willen wurden sie zu Lehrlingen des Scythe Faraday, der darauf beharrt, dass nur diejenigen gute Scythe werden können, die dies unter keinen Umständen freiwillig machen würden. Reue und Menschlichkeit sollen diese Aufgabe kennzeichnen. Scythe dürfen keine emotionslosen Tötungsmaschinen sein; keine Mörder, sondern diejenigen, die eine natürliche Auslese nachahmen. Sie sollen das Leid dieser unentbehrlichen Aufgabe auf sich nehmen, um die Gesellschaft vor Schlimmerem zu bewahren. Doch während die beiden lernen, ihren Mitmenschen das Leben zu nehmen, gibt es auch innerhalb des Scythetums tiefe politische Risse zwischen denen, die den alten Werten treu bleiben wollen, und denen, die das Töten geradezu genießen. In dieser emotionalen und konfliktreichen Zeit wird ein gefährlicher Wettlauf heraufbeschworen...

„Scythe“ ist nichts für Zartbesaitete. Shustermans Schreibstil zieht Leserinnen und Leser in den Bann der Handlung und so schnell kommt man auch nicht wieder heraus. Bereits auf den ersten Seiten macht sich Beklemmung breit, die sich im Verlauf des Buches nur noch verstärkt und manchmal auch jenseits des Papiers anhält. Todesszenen werden detailliert beschrieben, die Emotionen der Protagonisten sind roh und vielschichtig. Doch nicht nur die Charaktere beeindrucken, sondern auch die Handlung ist intelligent aufgebaut und von einfallsreichen Wendungen durchzogen. Shusterman beschreibt zahlreiche Perspektiven, was verwirrend wirken könnte – doch sie fügen sich letztendlich zu einem gut durchblickbaren Netz zusammen, das die zahlreichen Facetten dieser scheinbar utopischen Gesellschaft widerspiegelt.

Während der erste Band sich vorrangig auf Citras und Rowans Schicksal fokussiert, reicht der Blick im zweiten weiter. Alles wird größer, die Konsequenzen weitreichender und die Risse tiefer. Insbesondere das Hinauslaufen auf einen meisterhaft geschriebenen Cliffhanger am Ende des zweiten Bandes sorgt dafür, dass der dritte Teil, der diesen November erscheinen soll, definitiv ganz oben auf meiner Liste steht.


Lena Wilkens ist durch CaYouBo zum Lesen in den öffentlichen Verkehrsmitteln konvertiert und rezensiert an dieser Stelle monatlich ihre Lektüre, ohne die sie nun noch seltener anzutreffen ist.